Wiener Walzerseligkeit

von Franziska Betz (17.12.2021)

Der Wiener Walzer rückt jedes Jahr um die Jahreswende in den musikalischen Fokus, wenn wieder zahlreiche Walzer-Kompositionen vor allem von Vater und Sohn Johann Strauß in den traditionellen Neujahrskonzerten erklingen. Welchen Beitrag die beiden Komponisten zur Entwicklung des Wiener Walzers und dessen Weg auch auf die Opernbühne beigetragen haben, erzählt uns unsere Gastautorin Franziska Betz.

Zur Autorin

Franziska Betz studierte Musikwissenschaft, Musikpädagogik und Romanistik in Würzburg, München und Cremona, Italien.

Seit Februar 2019 arbeitet sie als Redakteurin und Dramaturgie-Assistentin bei den Salzburger Festspielen...

Wenn an Silvester um Mitternacht der tiefe Glockenschlag der Pummerin vom Wiener Stephansdom aus das neue Jahr einläutet, ist das in ganz Österreich die Aufforderung zum Tanz. Alle Radiosender übertragen dann die heimliche Hymne der Alpenrepublik, den Walzer aller Walzer: An der schönen blauen Donau op. 314 von Johann Strauß (Sohn). Paare drehen und wiegen sich auf dem Stephansplatz beschwingt im Dreivierteltakt – und wenn der Platz zum schwungvollen Ausschweifen nicht reicht, wird eben nur ein „Fleckerlwalzer“ geschunkelt.

An Frohsinn und Heiterkeit büßt das jedenfalls nichts ein. Dass es – laut Frédéric Chopin„mit dem Wiener Ernst nicht weit her ist“, beweisen spätestens jene schwelgenden Zeilen, die nicht nur den Titel einer 1899 aus Strauß’schen Melodien kompilierten Operette besingen; zugleich stehen sie – wenn auch augenzwinkernd – als Chiffre für das ur-wienerische Lebensgefühl und die daraus erwachsene Gattung der Wiener Operette: „Wiener Blut, Wiener Blut, eigner Saft, voller Kraft, voller Glut…“

Doch wo entsprang eigentlich die Walzerseligkeit Wiens und wie eroberte sie die Operette?

Ein Tanzgeiger wird zur Pop-Ikone

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ‚Bratl-Geiger’ in den Wiener Vorstadt-Wirtshäusern gegen eine warme Mahlzeit zünftig aufspielten und das Volk paarweise und eng umschlungen über die Bretter „walzte“, rümpfte der Adel noch verpönt die Nase. Doch während des Wiener Kongresses 1814/15 überwindet der Walzer Landesgrenzen wie Standesschichten: Auf den zahlreichen Tanzveranstaltungen dieser Jahre wird der Walzer meist erst dann gespielt, wenn sich der europäische Adel nach den repräsentativen Tänzen wie der Polonaise, der Quadrille, dem Menuett oder der Mazurka zurückzieht. Im Laufe des Kongresses jedoch findet der Adel immer mehr Vergnügen am Walzer, der fortan Teil der Tanzkultur werden sollte. Das „Vergnügen erringt den Frieden“, heißt es, denn: „Der Kongreß tanzt!“

Von da an floriert in Wien das Tanzmusikgeschäft. Joseph Lanner und Johann Strauß (Vater) beerben Michael Pamer und seine Kollegen als beliebteste Tanzgeiger mit ihren eigenen Kapellen und schnell erfundenen neuen Tanzmelodien. Im ‚Sperl‘, wo es laut Wiener Theaterzeitung die „unstreitig beste Musik“ gibt, aber auch in anderen Wiener Lokalitäten wie der ‚Mehlgrube‘, in den ‚Redouten-Sälen‘, im kleinen Gartenlokal ‚Krapfenwaldl‘, im ‚Prater“ oder etwa im ‚Tivoli‘ bringen sie mit Polkas, Galoppen, Märschen, Ländlern und vor allem Walzern das Wiener Volk in Schwung.

Als erster Musiker zieht Strauß mit einem Reise-Orchester durch Europa und präsentiert seine Walzer auch im Konzertsaal vor einem andächtig lauschenden und nicht tanzenden Publikum – das ihn als ‚Walzerkönig‘ und ‚populärsten Musiker der Erde‘ feiert.


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‚Wiener Ton‘ und moderne Walzerform

Was ist Strauß’ Erfolgsrezept? Eingängig und charakteristisch muss eine gute Strauß’sche Walzermelodie sein! Mit Gute Meinung für die Tanzlust op. 34 aus dem Jahr 1830 setzt Johann Strauß (Vater) den Standard für die moderne Walzerform: Eine Einleitung und ein Schlussteil rahmen eine Kette aus fünf Doppelwalzern. In Frohsinn, mein Ziel op. 63 tritt eine weitere Errungenschaft Strauß’ zutage: Mit einem Terz-Sext-Akkord auf der Tonika verleiht er dem Walzer eine ganz neue harmonische Farbe – den spezifischen ‚Wiener Ton‘. Und kein Geringerer als Hector Berlioz lobte an den Strauß’schen Walzern die „Befreiung von dem faden, stereotypen Rhythmus, der dem Walzer bis dahin zu eigen sein schien“. So nannte er Strauß den „Schöpfer des synkopierten Tanzes“.

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Der König ist tot, es lebe der König

Das Erbe des ‚Walzerkönigs‘ anzutreten, ist nicht leicht. Johann Strauß (Sohn) sollte es aber gelingen, den Ruhm seines Vaters noch zu überbieten. 1863 war der Sohn als k. k. Hofballmusik-Direktor bereits in die Fußstapfen des Vaters getreten. Ab dem Folgejahr feiern ihn die Wiener endgültig als zweiten ‚Walzerkönig‘ für seine ‚Meisterwalzer‘ – von den Morgenblättern op. 279 bis hin zum Kaiserwalzer op. 437.

Als früher Vorbote kündigt bereits die Walzerfolge Liebes-Lieder-Walzer op. 114 aus dem Jahr 1852 seine kompositorische Reifephase an: Jede neue Melodie gewinnt an Eigencharakteristik; Kontraste beleben die Walzerkette. Wie sein Vater es bereits erprobt hatte, streut der Sohn ebenfalls Mazurka-Rhythmen und Variationen ein. Auch den ‚Wiener Ton‘ lauscht er dem Vater ab. Nicht selten schöpft er Inspiration aus dessen musikalischer Schatztruhe – und entwickelt das kompositorische Erbe seines Vaters weiter: Weniger, aber in weiten Bögen umso kunstvoller ausgeformte Melodien bestimmen nun die neuen Walzerfolgen, denen er auch instrumentatorisch symphonischen Glanz verleiht. Seine Konzert- und Ballwalzer sind aus der gehobenen Gesellschaft Wiens nicht mehr wegzudenken.

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Von Paris nach Wien

Mit der Eröffnung der kleinen Bühne Bouffes-Parisiens hatte Jacques Offenbach am 5. Juli 1855 in Paris die Geburtsstunde der Operette eingeläutet – nicht ahnend, dass er nur wenige Jahre später auch in Wien Begeisterungsstürme mit seinem neuen Musikkomödiengenre lostreten würde. Dort erlebte im Oktober 1860 seine Götterwelt-Persiflage Orpheus in der Unterwelt ihre Erstaufführung – der wilde Cancan heizt darin zum berühmten ‚Höllengalopp‘ an.

Im Wahl-Wiener Franz von Suppé fand die beim Wiener Publikum äußerst beliebte französische Operette schnell einen Nachahmer. Noch im November desselben Jahres feierte sein Einakter Das Pensionat Premiere – die ‚Wiener Operette‘ war geboren. Fünf Jahre später erzielte er durchschlagenden Erfolg mit der Mythenparodie Die schöne Galathee, einer Anspielung auf Offenbachs Die schöne Helena. In der Ouvertüre setzt Suppé erstmals den Wiener Walzer, aus dem Kontext der Ballsäle gelöst, in direkte Beziehung zu einer Bühnenhandlung.

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Die ‚goldene Ära‘ der Wiener Operette

Große Pläne schmiedete man in Wien um 1870: Das Theater an der Wien sollte zur führenden Operettenbühne der Welt erhoben werden. Zu burlesk, zu frivol, zu parodistisch erschien manchen Wiener Theaterschaffenden die französische Operette. Für eine bodenständige Wiener Operette erhoffte man sich neue Impulse von keinem Geringeren als: Johann Strauß (Sohn). Doch der lehnte zunächst ab. Musik für Gesang war – außer zwei sehr erfolgreichen Chorwalzern – nicht sein Metier. Im Verbund mit dem theatererfahrenen Allround-Talent Richard Genée gelangen ihm schließlich doch Geniestreiche wie Die Fledermaus aus dem Jahr 1874, die schnell zum Idealtypus der Wiener Operette avancierte.

Strauß lieferte im Wesentlichen die Melodien, Genée konzipierte, arrangierte, textierte und instrumentierte. Dass dabei viele Walzer-Melodien in die Bühnenmusik eingeflossen sind, liegt auf der Hand. Eine davon entführt uns auf den rauschenden Ball des Prinzen Orlofsky im zweiten Akt der Fledermaus: „Brüderlein und Schwesterlein“. Doch dieser Walzer wird auf dem Ball nicht etwa wirklich getanzt. Er versinnbildlicht eher kontemplativ die champagnerselige Verbrüderungseuphorie, in der die geladenen Gäste sich einen Augenblick über all ihre brüchigen Lügenkonstrukte und Verwechslungsspielereien hinwegtäuschen zu können glauben …

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Als ‚gemüthaft-sentimental‘ und ‚melancholisch-versonnen‘ beschreibt man gern den spezifischen Ton der Wiener Operette. Ihn hatte Strauß mit Indigo und die vierzig Räuber 1871 vorgeprägt. Von da an bis zur Jahrhundertwende erlebte die Wiener Operette ihre Blütezeit. Neben dem ‚Walzerkönig‘ lieferten Suppé und Carl Millöcker, Carl Michael Ziehrer und Carl Zeller in dieser ‚goldenen Ära‘ wertvolle Gattungsbeiträge.

„Glücklich ist, wer vergißt …“

Was, wenn nun aber an Silvester um Mitternacht der ‚Donauwalzer‘ erklingt, der Platz zum Tanzen sogar reichen würde, aber Social Distancing die Nähe verbietet? Dann heißt es, sich auf die Ursprungsbotschaft der Chorfassung zum ‚Donauwalzer‘ zu besinnen: „Wiener seid froh“ – so mahnten die Textzeilen Josef Weyls im Jahr 1867 gegen den Trübsinn in der Krisenzeit nach der Revolution von 1848 und ihren wirtschaftlichen Folgen. Wie passend auch in unseren Zeiten! Wer sich dem heiteren, lebensbejahenden Grundgefühl, das mit dem Wiener Walzer untrennbar verbunden ist, nicht verschließt, der kann zum Jahreswechsel jedenfalls nichts falsch machen. Und wenn doch? Dann heißt es: „Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist.“

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